Exkursion 2013 – Von Biopionieren und Google Farmern in Polen

15 biobegeisterte Studierende und Dozentinnen in 2 FH-Bussen, um uns herum Getreideernte, angepflockte Kühe und Seen, blauer Himmel so weit das Auge reicht. Die diesjährige Fachexkursion des Studiengangs Ökolandbau und Vermarktung führte nach Polen, wo wir in sechs Tagen 13 Betriebe unterschiedlicher Wertschöpfungsstufen besichtigten. Die vielfältige Auswahl umfasste ökologische und konventionell wirtschaftende Höfe mit verschiedenen Schwerpunkten mit teils eigener Verarbeitung und Vermarktung, eine Bäckerei, den ökologischen Lebensmitteleinzelhandel sowie den Großhandel. Nicht nur hinsichtlich der Betriebsstruktur unterschieden sich unsere Anlaufstellen: Unter all den polnischen Betriebsleiter_innen fanden wir unterschiedliche Motive und Hintergründe, die die individuellen Wege hin zum Bioerzeuger, -verarbeiter oder –vermarkter kennzeichneten.

Der Biopionier Peter Stratenwerth aus der Schweiz kam in den 80er Jahren mit einem Holzkohleofen und viel Unternehmungsgeist im Gepäck nach Polen und begann, aus seinem eigenen Getreide Brot zu backen und es selbst zu vermarkten. In den folgenden Jahren erweiterte er seinen Hof um eine Milchziegenherde und eine eigene Käserei. Neben der landwirtschaftlichen Produktion und der Veredlung betreiben Peter und seine Ehefrau Ewa heute ein Umweltbildungszentrum, in dem sie Kindern und Jugendlichen eine umweltschonende und tiergerechte Landwirtschaft vermitteln. Gleichzeitig sei der Hof zu einer Perspektive für die Menschen im Dorf geworden, die hier arbeiteten und sich in hohem Maße mit dem Hof identifizierten, so Ewa. Mithilfe von EU-Mitteln wurde inzwischen eine neue Käserei eingerichtet, die alle erforderlichen Hygieneanforderungen erfüllt und sich auch für den Schaubetrieb eignet. Auch wenn sich in zwanzig Jahren Vieles geändert hat, wird das Brot in dem gleichen Ofen gebacken wie damals, nach dem gleichen unverwechselbaren Rezept. Im Anschluss an eine eindrucksvolle Führung erfreuten Ewa und Peter uns mit einem Mahl aus selbstgemachtem Brot, Ziegenkäse und Kräutertee, dessen Bodenständigkeit uns etwas Halt gab inmitten des ununterbrochenen Unterwegsseins.

Nach anfänglicher Skepsis gegenüber dem dunklen Vollkornbrot mit der festen Konsistenz schätzten heute viele seiner Kunden besonders den Gesundheitswert seines Brotes gegenüber dem industriell hergestellten Weißbrot, so Peter. Der Glaube an einen hohen Gesundheitswert biologisch erzeugter Lebensmittel stellt für polnische Biokäufer ein wesentliches Motiv dar, wie uns im Laufe unserer Reise immer wieder deutlich wurde. Während  in Deutschland ein bewusster, nachhaltiger Lebensstil für einen Großteil der Biokäufer im Vordergrund steht, macht diese Gruppe nur einen kleinen Teil der Ökoszene aus. Ein größerer Anteil der Biokäufer setze auf die heilende Wirkung von biologischen Erzeugnissen, zum Beispiel im Bezug auf chronische Krankheiten, betonten auch die Inhaber von besichtigten Bioläden. Ein weiterer entscheidender Unterschied ist die Bedeutung der sogenannten „natürlichen“ Lebensmittel in Polen, die nach traditionellen Verfahren und ohne Verwendung von Pestiziden hergestellt werden und neben biozertifizierten Produkten in Bioläden zu finden sind. Bei der Kaufentscheidung vertrauten die Konsumenten in erster Linie auf die Fachkenntnisse des Ladeninhabers, während das Biosiegel eine untergeordnete Rolle spiele.

Ein besonderes Erlebnis war auch die Begegnung mit dem Ehepaar Dobrodziej, das erst 2006 in den ökologischen Anbau eingestiegen ist und seit 2010 auch selbst verarbeitet. Empfangen wurden wir mit köstlichem Kuchen und sauer eingelegten Gurken, die zu den Spezialitäten der jungen Biolandwirte zählen. Auf unsere Frage, wie sie sich ihre spezifischen Kenntnisse angeeignet hätten, bezeichnet sich der aus der IT-Branche stammende Betriebsleiter stolz als „Google Farmer“: Das Internet sei die Hauptquelle seines Wissens. Im Verlauf des Gesprächs wurde deutlich, dass der eigentliche Anbau nur eine von vielen täglich zu meisternden Herausforderungen im Leben der beiden  darstellt. Während sie sich von der „EHEC-Tragödie“ in 2011 mittlerweile erholt hätten, stünden sie nun im täglichen Kampf mit Behörden und deren Richtlinien, die ihnen die eigene Verarbeitung der selbst angebauten Produkte erschwerten. Im Verlauf unserer Exkursion beklagten viele Landwirte die strengen Hygienevorschriften als Hürde für die eigene Verarbeitung. Der „Google Farmer“ und seine Frau betonten, dass sie trotz Schwierigkeiten an ihren Plänen festhielten. Im Umgang mit Behörden sei vor allem Pragmatismus und Beharrlichkeit gefragt. Und allem voran eine positive Einstellung, wie wir bei den Besuchen von verschiedenen Betrieben immer wieder feststellten.

Mit seiner positiven Einstellung begeisterte uns auch der Gemüsegärtner Theo in Juchowo, einem Ökodorf, das auch als das polnische Brodowin gilt. Der vielseitige Demeter Betrieb beschäftigt heute 90 Mitarbeiter, von denen 30 Menschen mit Behinderung sind. Neben Milchviehhaltung und Ackerbau stellt der Gemüsebau einen elementaren Betriebszweig für den Hof dar: Ein großer Teil des angebauten Gemüses werde in der betriebseigenen Großküche verarbeitet, in der neben den eigenen Mitarbeitern auch regelmäßig Gäste empfangen und bekocht würden. Auch wir kamen in den Genuss eines fantastischen vegetarischen Menüs. Neben der Produktion für die eigene Küche baut Theo Gemüse für den polnischen Markt an, wobei fehlende Vermarktungsstrukturen laut Aussage des Gärtners den Absatz erschwerten. Theo, der sich selbst als „Freund des größeren Maßstabs“ bezeichnet, ist auf der Suche nach Lösungen, um die bestehende Nachfrage nach Biogemüse zu decken und den Absatz zu sichern. Theo ist der Überzeugung, dass gute Qualität honoriert wird. „Du musst nicht alles machen, sondern nur eine einzige Sache gut machen“ lautete einer seiner Botschaften, die er uns mit ansteckendem Enthusiasmus verkündete. Die gute Unterhaltung honorierten wir spontan mit einer der getopften Rosen, die wir als Gastgeschenke im Gepäck hatten, obwohl für den Gärtner ursprünglich kein Geschenk eingeplant war. Beschwingt von so viel Optimismus ließen wir diesen Tag mit Blutwurst und Bier am Teich unserer „agrotouristischen“ Unterkunft ausklingen.

Mit Empörung statt Optimismus verließen wir zwei Tage später den Biosupermarkt Zdrowia in Warschau, den wir nach endlosem Umherirren im Parkhaus des monströsen Einkaufszentrums schließlich zwischen Nagellackstudio und Designermode in der oberen Etage der Luxuswelt fanden. Endlich angekommen, fiel uns sofort das vorwiegend deutsche Sortiment mit entsprechend hohen Preisen auf. Im Gespräch mit dem Ladeninhaber wurde schnell deutlich, dass eine Zusammenarbeit mit Landwirten aus der Region nicht zu den Hauptzielen der Biosupermarktkette gehört. Zu geringe Mengen und schwankende Qualitäten von ökologischen Frischeprodukten seien Gründe für die nicht stattfindende Kooperation. Vor allem polnisches Biofleisch in verzehrgerechten Portionen sei Mangelware, erklärte der Ladeninhaber. Eine Investition in eigene Produktionsstätten zur Deckung des Fleischbedarfs sei nicht geplant. Im Gegensatz zu Unternehmen des ökologischen Einzelhandels in Deutschland scheint für die polnische Supermarktkette (noch) keinerlei Druck zu bestehen, sich auf dem Markt zu positionieren. Auch die bestehenden hohen Preise erzeugen keinen Handlungsdruck: Der Kundenstamm des Supermarktes setzt sich nach unseren eigenen Beobachtungen vor allem aus den „Reichen“ zusammen, die neben den „Kranken“, den „Alten“ und den „Bewussten“ eine der Zielgruppen für Bioprodukte in Polen bilden. „Ist das noch bio?“ und viele andere Fragen sorgten an dem vorletzten Tag unserer Reise für Diskussionsstoff unter den Teilnehmer_innen.

Der Besuch des „Bio Bazars“ in Warschau am Samstagvormittag bildete den treffenden Abschluss unserer Exkursion. Hier sind ökologische Landwirte, Verarbeiter und Händler aus dem ganzen Land vertreten, unter ihnen auch das Ehepaar Dobrodziej, das für den Verkauf von Gemüse und sauren Gurken jede Woche 5 Autostunden pro Weg zurücklegt. Fasziniert von dem morgendlichen Treiben in den Markthallen mussten wir uns leider schon bald auf die Rückreise machen. Was ich persönlich mitnahm sind am Ende des Studiums neue Antworten auf die Frage, wohin der berufliche Weg eines Tages führen soll und wohin lieber nicht. Ich danke euch für die schöne Zeit!

„Nun hebt das Jahr die Sense hoch und mäht die Sommertage wie ein Bauer. Wer sät, muss mähen. Und wer mäht, muss säen. Nichts bleibt, mein Herz. Und alles ist von Dauer … “ (aus: „Der August“, E. Kästner).

von: F. Thörner 2013

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