Von beschallten Hühnern, sensiblen Büffeln und prämierten Ringelschwänzen

Fachexkursion vom 10. bis 14. August 2015

Niedersachsen ist Ziel der diesjährigen Fachexkursion, an der 15 Ökolandbauern- und bäuerinnen gemeinsam mit zwei Dozentinnen teilnehmen. In der Theorie haben wir uns mit dem Agrarland Nummer 1 im Vorfeld schon beschäftigt – nun geht es endlich los:

Unser erster Stopp ist der Naturpark Lüneburger Heide. Wie beeindruckend die blühende Heide sein muss, lässt sich schon erahnen – um sie wirklich zu erleben, sind wir etwa zwei Wochen zu früh dran. Trotzdem tut es gut, sich nach der rund vierstündigen Fahrt die Füße zu vertreten und den Blick vom 169 Meter hohen Wilseder Berg zu genießen.

Rast am Wilseder Berg , Foto: Nobelmann 2015

Unsere nächste Station ist der WeidenHof in Schneverdingen. Hier haben 5 junge Leute, teilweise ehemalige Ökolandbau-Studenten aus Witzenhausen, eine Solidarische Landwirtschaft aufgebaut. Von Null auf 180 – so könnte man ihre Geschichte wohl beschreiben. 2013 wurden das erste Gemüse angebaut und Fleisch und Eier produziert. Heute bedienen Max, Janina und ihre Mitstreiter bereits 180 Ernteanteile und sind damit fast an ihrem Limit angekommen. Die Solidarische Landwirtschaft bietet neben der Planungssicherheit auch für die Tierhaltung einen großen Vorteil. Das Fleisch der Zweinutzungshühner lässt sich problemlos an die Mitglieder vermarkten, obwohl die Herde recht heterogen ist. Bresse- und Maranhühner kommen auf dem WeidenHof in den Genuss, einem lokalen Radiosender zu lauschen. Die Beschallung dient aber vielmehr der Abwehr von Habicht und anderen Beutegreifern, die ebenfalls auf den Hühner-Geschmack gekommen sind.

Mit dem Kompetenzzentrum Ökolandbau Niedersachsen (KÖN) besuchen wir an Tag 2 ein bundesweit einmaliges Dienstleistungsprojekt. Durch Beratung bei der Erzeugung, Verarbeitung und Vermarktung soll von hier aus der Ökolandbau gefördert werden. Eine Mitarbeiterin des KÖN, Bettina Stiffel, fordert uns dazu auf, eigene Ideen zu entwickeln, wie die ökologische Landwirtschaft gestärkt werden kann. Von der Schulbildung über Partnerschaften zwischen konventionellen und ökologischen Betrieben bis hin zum informativen „KÖN-Truck“ reichen unsere Vorschläge. Frau Stiffel treffen wir nachmittags wieder, als wir den Lohmannshof besuchen.

Prägen das Bild der Dörfer: Hallenhäuser (hier: Lohmannshof in Westen), Foto: Nobelmann 2015

Auf dem Betrieb beeindruckt vor allem die nette Atmosphäre, die von den jungen Betriebsleitern und der Hofstelle ausgeht. Hier werden Gemüse und Kartoffeln sowie Getreide für die eigene Backstube produziert. Hühner, Schafe und Bienen gehören ebenfalls zum Betrieb. Kartoffeln und selbstgesuchte Eier dürfen wir direkt auf dem Hof gemeinsam genießen. Auf dem Weg zum Lohmannshof lag noch ein weiteres unserer Exkursionsziele – der Biohof Eilte, bekannt aus der ZDF-Dokumentation „Die Büffelranch“. Das Fernsehteam war auch gerade vor Ort und hat uns bei der Hofführung begleitet. Neben dem Melkroboter für die 143 Milchkühe haben wir auch Uli kennengelernt, den verschmusten Chef der 50-köpfigen Wasserbüffelherde.

Auf Tuchfühlung mit den Wasserbüffeln, Foto: Nobelmann 2015

Zur Gewinnung der Büffelmilch steht ein Weidemelkstand zur Verfügung und Betriebsleiter Tino Bullmann sagt: „Die Büffel sind im Melkstand sehr sensibel, hier muss die Chemie zwischen Tier und Melker passen“. Die Chemie zwischen Uli und Elisa passt auf jeden Fall – er liegt ihr sofort zu Füßen.

Eduard Bauck gilt als Pionier der biologisch-dynamischen Wirtschaftsweise, die mittlerweile auf drei Bauck-Höfen betrieben wird. Zwei davon lernen wir auf unserer Exkursion kennen, auch die Vermarktungsgesellschaft Bauckhof Naturkost Rosche liegt auf unserem Weg. Um die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise auch langfristig zu erhalten, wurden die Höfe und Flächen in eine gemeinnützige Landbau- und Forschungsgesellschaft übertragen. Der Bauckhof Stütensen, den wir an Tag 3 besuchen, hat sich neben der Landwirtschaft auch der sozialtherapeutischen Arbeit verschrieben. 45 betreute Menschen leben hier und kümmern sich um Fleischrinder, Milchkühe, Schweine, Hühner, Gemüse, Kräuter und Kartoffeln. Wie wir erfahren, wachsen nicht nur die Ansprüche des Marktes an die landwirtschaftlichen Produkte, auch die bürokratischen Vorgaben des Inklusions-Ziels verlangen den Mitarbeitern viel Energie ab. Eine schwierige Aufgabe, wenn man der Landwirtschaft und dem pädagogischen Anspruch gerecht werden will.

Jochen Kulow, einem der Betriebsleiter vom Eichenhof in Luckau im Wendland, sind Schweine besonders wichtig – und die biologische Landwirtschaft, nach der er seit über 20 Jahren arbeitet. Seine 250 Muttersauen und die Nachzuchten bekommen ihr Futter aus der hofeigenen Mühle. Auf die Frage, wie er die aktuelle Arbeit des Niedersächsischen Landwirtschafsministers einschätzt lautet die Antwort: „Unser Landwirtschaftsminister redet nicht nur, er hat auch schon viel bewegt – meine Stimme hat er auf jeden Fall“. Der Eichenhof kann zum Beispiel von der Ringelschwanzprämie profitieren, die Minister Meyer als eine Maßnahme zur Verbesserung des Tierwohls eingeführt hat. Ein weiterer Schwerpunkt des Eichenhofs ist die Kartoffelproduktion. Auf 200 Hektar werden Kartoffeln angebaut, für die ein äußerst beeindruckendes Kartoffellager zur Verfügung steht. Deutlich entschleunigter geht es auf dem Milchschafhof Diahren zu. Giselher Kühn melkt hier aktuell 18 Ostfriesische Milchschafe, aus deren Milch er Weichkäse und ein ganz besonderes Getränk produziert – den White Whendish Liquor. Schnell vorbestellen! Alle Produkte verkaufen sich im Nu. Ein Picknick während unserer Kanutour lässt den Tag langsam ausklingen.

Heute steht der zweite Bauckhof auf dem Programm. Dem Bauckhof Klein Süstedt liegt besonders das Thema Tierwohl am Herzen. Das spürt man sofort, wenn Christine Bremer über die Bruderhahninitiative oder ihre aktuelle „Versuchsgruppe Puten“ spricht.

Der Bauckhof in Klein Süstedt: Ganz dem Geflügel verschrieben (hier: Putenküken)  Fotos: Nobelmann 2015

Durch die erfolgreiche Bruderhahninitiative wird das Töten von männlichen Küken in der Legehennenproduktion verhindert. Auf dem Bauckhof Klein Süstedt werden die Bruderhähne aufgezogen. Der wirtschaftliche Aufwand wird über einen höheren Eierpreis (4 Cent pro Ei) ausgeglichen. Als wir vor dem Stall mit den Putenküken stehen, macht uns Frau Bremer in bewegender Art auf die Schwierigkeiten der Zucht aufmerksam: Genetisch auf schnelles Wachstum gezüchtet, worunter die Robustheit der Tiere leidet,  kommt es bei der ökologischen Fütterung zu Mangelerscheinungen bei den Tieren. Der aktuellen Versuchsgruppe gehören englische Hockenbull-Puten an, die langsamer wachsen und robuster sind. Auch den Ablauf der Hühnerschlachtung haben wir verfolgt. Nach dem Abstecher zum Hundertwasserbahnhof in Uelzen, wo einige von uns mit der Bestellung eines „Bruderhahn-Burgers“ zum Gelingen der Initiative beitragen, geht es weiter zu Öko-Korn-Nord, einem Zusammenschluss von mehr als hundert biologisch wirtschaftenden Getreide- und Leguminosenerzeugern. Vom Geschäftsführer Herrn von Klitzing erfahren wir, wie man am Dinkel eine goldene Nase verdienen oder aber sich fast ruinieren kann. Und wir erhalten einen akustisch und informativ  beeindruckenden Einblick in den gesamten Prozess von der Anlieferung über Reinigung und Trocknung bis zur Verpackung des Korns.

Fünfter und letzter Tag: Wir verabschieden uns von der ökologischen Heuherberge „Hof Birkenbruch“, die uns am Tag 2 warmherzig empfangen und seitdem großartige Frühstücke bereitet hat. Mit Naturkost Rosche besuchen wir nun den Betrieb von Bauckhof, der sich um die Vermarktung der Bauckhof-Produkte kümmert. Hier werden ausschließlich Bio-Produkte verarbeitet, dies aber mittlerweile auch für andere nationale und internationale Unternehmen. 122 Mitarbeiter sind hier beschäftigt. Besonders häufig fällt bei der Vorstellung das Stichwort „glutenfrei“. Über 40 Stück umfasst die Palette der glutenfreien Produkte, die dem Unternehmen, unter anderem, ein ordentliches Wachstum bescheren. Wir schmeißen uns wieder in die schicken weißen Overalls und lassen uns durch den Abpackbereich und die Lagerräume des Unternehmens führen. Hier treffen wir auch auf betreute Mitarbeiter aus Stütensen, die stundenweise an den Abpackstationen tätig sind – die „Idee Bauckhof“ wird uns nochmals deutlich. Zum Schluss zum Obst – das hatten wir noch gar nicht. Die zwölfte Generation wirtschaftet mittlerweile auf dem Obsthof Augustin im „Alten Land“. Anfang der 90-er Jahre wurde der Betrieb auf eine biologisch-dynamische Wirtschaftsweise umgestellt. Und dies offensichtlich sehr erfolgreich: 10 weitere Erzeuger konnten für diese Wirtschaftsform gewonnen werden, und die Lagerhallen für die  Äpfel sind ratzeputz leer. CA-Lager waren übrigens gestern, ULO-Lager (ultra low oxygen) hat man heute. Nach einer kleinen Rundfahrt durch die Anbaufläche kehren wir zu unseren gefühlt 50 Grad warmen Hochschulbussen zurück.

Allen Betrieben, die sich so viel Zeit für uns und unsere Fragen genommen haben möchten wir herzlich „DANKE“ sagen. Wir nehmen viel Neues, Bestätigendes und Bewegendes für die Zukunft mit. Ganz besonders aber den Hinweis von Frau Bremer, die Dinge aus der Sicht der Tiere zu sehen und deren Perspektive einzunehmen (und das ist wörtlich zu nehmen). Vielleicht ist es ja jemand aus unserer Gruppe, den spätere Fachexkursionsteilnehmer besuchen werden – wer weiß?

Autorinnen: Nina Dohm und Elisa Bode

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