Innovative Finanzierung: Auszeichnung für HNEE-Alumni-Betrieb „Stolze Kuh“

Vor einem Jahr gründeten Anja und Janusz Hradetzky ihren eigenen Betrieb – die „Stolze Kuh“. Beide studierten zuvor Ökolandbau an der HNEE. Das Kapital für die Existenzgründung beschafften sie sich auf einem ungewöhnlichen Weg: Zur Finanzierung ihrer Kuhherde gaben sie sogenannte Kuh-Anteile aus. Innerhalb kurzer Zeit war das Geld für 30 Kühe zusammen.

Für das Finanzierungskonzept ihres Betriebs wurden Anja und Janusz im Dezember von der europäischen Technologieplattform für den ökologischen Landbau „TPorganics“ in Brüssel als Innovation ausgezeichnet. Herzlichen Glückwunsch!

Ihr habt in der Kategorie „Neue Businessmodelle lokaler Wertschöpfungsketten“ gewonnen. Warum sind die Stolze Kuh-Anteile eine Innovation?

Anja Hradetzky: Wir sind natürlich nicht die ersten, die in der Landwirtschaft nach alternativen Finanzierungsmöglichkeiten suchen. Es gibt einige innovative Projekte – vom Crowdfunding mobiler Hühnerställe bis hin zu Tierpatenschaften. Da finden sich in Brandenburg und deutschlandweit inzwischen einige Beispiele. Unser Finanzierungskonzept ist besonders, weil es gezeigt hat, dass es für Junglandwirt*innen möglich ist, einen Betrieb ganz ohne Eigenkapital zu gründen. Und das Konzept bietet auch Vorteile für Konsument*innen: Sie können die regionale Landwirtschaft direkt unterstützen und selbst mitbestimmen, wie ihre Lebensmittel produziert werden.

Anja und Janusz mit einer stolzen Kuh. (Foto: Willi Lehnert)

Die Stolze Kuh-Anteile ist eine Art Genussschein. Wie funktioniert das Finanzierungskonzept genau?

Anja: Die Kuh-Anteile sind Genussscheine besonderer Art, weil sie unbefristet, kündbar und übertragbar sind. Sie sind kein Wertpapier im Sinne des Aktienrechts. Wir haben insgesamt 75 solcher Genussscheine vergeben, jeweils im Wert von 500 Euro. Mit dem Geld haben wir 30 Kühe alter Zweinutzungsrassen kauft. Jede Person, die einen Kuh-Anteil zeichnete, finanzierte ein Drittel einer Kuh. Manche haben mehrere Anteile gezeichnet und damit eine ganze Kuh finanziert oder sogar zwei. Die Inhaber der Kuh-Anteile bekommen dafür pro Jahr 2,5 % Zinsen in Form eines Gutscheines für unsere Lebensmittel, den sie dann im Laden gegen unsere Hofprodukte einlösen können.

Du durftest die Innovation bei den „Organic Innovation Days“ in Brüssel vorstellen. Wie fühlt es sich an, als Innovation ausgezeichnet zu werden?

Anja: Es ist schon was ganz besonders. Leider gab es keinen Geldpreis, den wir in der Existenzgründung natürlich gut gebrauchen könnten. Aber unsere Innovation dort zu präsentieren, war auch schon ganz schön spannend. Ich habe die Gelegenheit genutzt, um die Situation der Junglandwirt*innen anzusprechen und die Frage gestellt, wie die verschiedenen Akteure – sei es aus der Forschung oder der Politik – die Junglandwirt*innen in Europa unterstützen können. Da kam erst mal keine konkrete Antwort. Aber trotzdem hat die Frage die Anwesenden zum Denken angeregt. Ich bin gespannt, welche Nachwirkungen das hat.

Anja präsentiert in Brüssel bei den „Organic Innovation Days“ ihre Innovation. (Foto: Charis Braun)

Janusz und du habt an der HNEE Ökolandbau studiert. Eurer Betrieb „Stolze Kuh“ liegt nur ein paar Kilometer von Eberswalde entfernt am Rande des Nationalparks Unteres Odertal. Ihr seid auch Kooperationspartner im Innovationsforum Ökolandbau Brandenburg der HNEE…

Anja:  …ja, genau. Die HNEE hat auch einen großen Beitrag dazu geleistet, dass wir ausgezeichnet wurden. Charis Braun und Dr. Susanne von Münchhausen haben uns für den TPorganics-Wettbewerb vorgeschlagen. Während der Wissenschaftstagung Ökologischer Landbau gab es an der HNEE einen Workshop zu alternativen Finanzierungskonzepten. Da waren wir vertreten. Das Wissen der Akteur*innen zu  dem Thema zu bündeln und sich auszutauschen, war sehr gut. Die Verknüpfung von Forschung und Praxis hat da richtig gut den Kern getroffen. Es gab in den letzten Jahren an der HNEE auch ein paar Studienarbeiten und Forschungsvorhaben, in denen alternative Finanzierungskonzepte beleuchtet wurden, z. B. das Projekt Healthy Growth, da geht es um Wertschöpfungsketten in der ökologischen Lebensmittelwirtschaft.

Ihr habt Anfang des Jahres 2015 euren Betrieb gegründet. Einiges ist noch zu tun, z. B. wollt ihr eine Käserei aufbauen. Werdet ihr auch zukünftig alternative Finanzierungskonzepte nutzen?

Anja: Durch ein neues Kleinanlegerschutzgesetz sind Genussscheine, wie die Kuh-Anteile, nicht mehr so leicht möglich. Da hängt jetzt eine Menge Bürokratie dran und es sind hohe Kosten damit verbunden, die wir uns nicht leisten könnten. Deswegen fände ich es spannender, zum Aufbau der Käserei in Richtung Crowdfunding zu gehen. Also Crowdfunding über eine Plattform, wie z. B. EcoCrowd. Als Gegenleistung bekommen die Personen dann leckeren Käse von unseren stolzen Kühen oder eine exklusive Übernachtung im Bauwagen auf der Kälberweide oder einen Einführungskurs in „Low Stress Stockmanship“ – wie man stressfrei mit Tieren umgeht… Bei diesem Projekt wünsche ich mir auch wieder eine Zusammenarbeit mit der HNEE. Vielleicht haben marketinginteressierte Studierende Lust, ein Projekt zu Crowdfunding in der Landwirtschaft zu machen?

Was möchtest du Junglandwirt*innen, die gerade überlegen eine alternative Finanzierungsform zu wählen, mit auf den Weg geben?

Anja: Ganz wichtig: findet einen Hof, der so ist, wie ihr ihn euch wünscht – ein Vorbild. Den braucht ihr meiner Meinung nach als Orientierung, besonders wenn es steinig wird. Damit man nicht aus den Augen verliert, dass es funktionieren kann. Natürlich gehört auch eine Menge Mut und Energie dazu. Wenn es aber erst einmal angepackt ist, dann gerät es auch ins Rollen. Und konkret zur Finanzierung: Man kann dazu viel lesen, aber das Wichtigste ist, sich mit Leuten auszutauschen, die so etwas schon gemacht haben, wie z. B. mit uns, der Stolzen Kuh, oder dem Hof Weggun, der seine mobilen Hühnerställe über Crowdfunding finanziert hat.

Das Interview führte: Charis Braun (HNE Eberswalde)

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